Klappentext
Was kann ein Kind ertragen? Und wie lange? Bis es sich wehrt? Abbé Kilian tötet als Fünfjähriger seinen Vater. Der Staat macht es sich einfach und schiebt den Jungen in ein Erziehungsheim ins Tessin ab. Weit weg von zu Hause und seiner geliebten Mutter erfährt der Kleine, dass es noch schlimmere Menschen als seinen prügelnden Vater gibt. Kann sich ein Kind mit einer solchen Vergangenheit wieder fangen, oder führt sein Weg unvermeidlich ins Verderben? Die Geschichte beginnt 1996, als Abbé erwachsen ist und Peer van Lanten, einen bedeutenden Literaturagenten, kennen lernt. Endlich weiß Abbé, welches Schicksal ihm vorherbestimmt ist.
Bern, in der Stadtbibliothek, Frühling 1996
Am Samstag war die Bibliothek an der Münstergasse nicht dermaßen voll, wie es sonst der Fall war. Die Studenten hatten noch Frühlingsferien und nur vereinzelt
sah man einen von ihnen, der an einem der glatt polierten Tische saß, in dicken Wälzern blätterte und sich Notizen machte.
Durch mannshohe Stellwände waren die verschiedenen Arbeitsplätze voneinander getrennt und hinter einem kauerte Abbé Kilian, kratzte sich am Kinn und ignorierte das bohrende Hungergefühl im Bauch.
Er warf einen Blick zur Uhr, die sich oberhalb der Pinnwand mit den Gratisinseraten befand, und nickte zufrieden. Es blieb ihm noch eine gute Stunde Zeit. Danach würde er wieder in die Mansarde
gehen, um am zweiten Teil seines Romans zu schreiben. Er gähnte ungeniert und blätterte in dem antiken Folianten, den er sich vorhin von einem der Metallregale geholt hatte, als sein Blick auf
eine Zeichnung am unteren Bildrand fiel.
Abbés Herzschlag geriet ins Stocken, der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn und er begann heftig zu zitterten. Das dicke Buch entfiel seinen Händen, polterte auf den Holztisch und blieb
aufgeschlagen liegen. Ringsum erhob sich ein ärgerliches Zischen, doch Kilian reagierte nicht. Er starrte weiterhin hypnotisiert auf die weiß-violette Zeichnung. Sein Blick wurde leer und er
schwankte leicht.
Ein Beobachter hätte in diesem Moment befürchten müssen, dass der schmächtige, braunhaarige Mann im mausgrauen Mantel nächstens vom Stuhl kippt. Doch Abbé Kilian war weder krank noch quälte ihn
Übelkeit, er verließ nur die Stadtbibliothek, verließ Bern und diesen Frühlingstag und ging zurück ins Jahr 1965, als er fünf Jahre alt gewesen war.
Bern, in Abbés Elternhaus, Winter 1965
Wie immer überkam ihn ein Schaudern, wenn er an dem Bild vorbei musste. Es hing im Korridor, gleich neben dem Abort, und schon oft hatte er sich deswegen
einfach im Hof erleichtert, damit er es nicht ansehen musste. Doch jetzt plagten ihn heftige Krämpfe. Und wie ein Köter hinter einen Baum zu scheißen, war ihm dann doch zuwider. Einmal hatte ihn
sein Vater dabei erwischt und ihn grün und blau geschlagen.
Der Januar war dieses Jahr eiskalt, doch vor ein paar Tagen hatte sich ein Hoch über die Hügel des Jura gekämpft und im Moment schmolzen die Schneemassen dahin. Ein stetes Tropfen und Gurgeln lag
in der Luft, was Abbés Harndrang zusätzlich anregte, und er eilte - die Hände zwischen die Beine gedrückt - gesenkten Hauptes zum Örtchen.
„Nur nicht hinsehen … nur nicht hinsehen", murmelte er leise, doch gerade, als er schon fast am Bild vorbei war, schlug im oberen Stock eine Tür krachend ins Schloss. Abbé zuckte zusammen und hob
den Blick. Die drei Gestalten mit den langen Kapuzenmänteln fraßen sich augenblicklich in seinen Kopf, dann tiefer, durch seinen staubtrockenen Mund den Hals hinunter bis zum Herz, das ihm
urplötzlich gegen die Brust trommelte, als würde ein Schachtelteufel heraus wollen.
Obwohl die eine Gestalt auf dem Bild Flügel hatte, konnte sie unmöglich ein Engel sein. Nie im Leben! Sie kniete vor einem ausgemergelten Mann, der nur mit einem Tuch bekleidet war, und schloss
ihm die Augen. Am rechten Bildrand hielt eine andere Figur eine Frau im Arm. Auf den ersten Blick hätte man meinen können, die zwei würden miteinander tanzen. Doch die Schönheit schaute aus
leeren Augenhöhlen zu ihrem Peiniger auf und Abbé war sich sicher, dass im Hintergrund keine lustige Tanzmusik spielte. Das letzte Paar auf dem Bild war das entsetzlichste. Eine Gestalt, unter
deren Kapuze ein Totenschädel zu erkennen war, hielt ein sterbendes Kind auf dem Arm.
Abbé hatte keine Zweifel, dass das Kind im Sterben lag. Oder war es schon tot? Er schluckte und stieß ein gepresstes Keuchen hervor. Das Flügelmonster hatte eine Sense geschultert und blickte
Abbé direkt in die Augen, als würde es ihm zuflüstern: Du bist der Nächste.
„Memento mori!“ stand unter dem Bild. Seine Mutter hatte es ihm gesagt und gleich die Übersetzung mitgeliefert: Vergiss nicht, dass du sterblich bist!
Wie könnte Abbé das je vergessen? Das Bild verfolgte ihn nächtens in seinen Träumen, und jedes Mal, wenn er sich erleichtern musste, mahnte es ihn daran, dass es vom Leben in den Tod nur ein
kleiner Schritt war.
So ein kleiner Schritt, wie ihn sein Kater getan hatte, als er vor zwei Wochen – auf der Jagd nach einem Vogel - über den Teich gelaufen war. Das Eis war zu dünn gewesen, um das Gewicht der Katze
zu tragen und sie war eingebrochen. Man hatte ihre furchtbaren Schreie bis ins Haus hinein gehört, und die ganze Familie war nach draußen gestürzt.
Vater lachte nur, als er dem verzweifelten Todeskampf des Tieres zusah, und machte keine Anstalten, helfend einzuspringen. Abbé und seine Mutter mussten hilflos mit ansehen, wie der Kater um sein
Leben kämpfte. Panisch schlugen seine Krallen auf die dünne Eisdecke, glitten jedoch immer wieder ab, sobald das Eis von Neuem brach. Das Tier wurde schwächer, seine Bewegungen langsamer und
schließlich ging es ganz unter. Das aufgewühlte Wasser glättete sich allmählich und am Ende stiegen nur noch ein paar kleine Luftblasen an die Oberfläche, wo sie lautlos zerplatzten.
„Geschieht dem Vieh ganz recht“, sagte Abbés Vater. „Was treibt sich der blöde Kater auch auf dem Eis herum?“ Er spuckte auf den Boden, drehte sich um und verpasste dem schluchzenden Abbé eine
Ohrfeige. „Grein nicht wie ein Weib! Ein Mann flennt nicht! Mach dich besser nützlich und hol mir zwei Flaschen Bier; die mit dem roten Schloss drauf. Los, beeil dich, oder du kriegst gleich noch
einen Zuschlag!“
Abbé waren diese Botengänge peinlich. Frau Gloor vom Quartierladen war zwar immer freundlich zu ihm, doch er hörte genau, dass sie jedes Mal, wenn er ihr Geschäft betrat, tief seufzte. Sie wusste
ganz genau, dass bei den Kilians das Geld knapp war und der Kleine wieder einmal darum bat, anschreiben zu dürfen.
Ein neuerlicher Krampf ging durch Abbés schmächtigen Körper, und er fühlte, dass es bald zu spät sein würde den Abort noch rechtzeitig zu erreichen. Mit aller Gewalt befahl er seinen kurzen
Beinen einen Schritt weiter zu gehen. Doch eine unheimliche Kraft ging von den Gestalten auf dem Bild aus, die ihn auf der Stelle festnagelte. Er sah sich bereits auf dem Arm des einen
Fratzengesichtes, spürte schon dessen fauligen Atem und hörte das leise Rascheln seines Mantels.
Abbé fing an zu schreien. Er schrie und schrie, bis ihn eine unglaubliche Kraft von den Beinen riss. Er prallte an die Toilettentür und sackte benommen zu Boden. Vor seinen Augen tanzten bunte
Kreise und ein paar dreckige Gummistiefel schoben sich in sein Gesichtsfeld. Vor Schreck entleerte sich sein Stuhl mit einem lauten Furz in die Hose.
„Verdammter Bengel! Hast du sie noch alle?!“ Samuel Kilian stand breitbeinig vor seinem Sohn und rümpfte angewidert die Nase. „Ich fass es nicht! Los, steh auf, ich werde dich lehren, wie ein
Baby in die Hosen zu scheißen!“
Er riss ihn unsanft hoch und gab ihm links und rechts eine schallende Ohrfeige. Abbés Wangen glühten vor unterdrückter Wut und Scham. Er versuchte sich zu wehren, doch sein Vater brach nur in
hämisches Gelächter aus, als er die ungeschickten Abwehrversuche seines Sohnes sah.
„So, so. Das Bürschchen wehrt sich. Recht so, hau nur feste zu!“
Er hielt Abbé auf Armeslänge von sich und die kleinen Fäuste traktieren die Luft zwischen ihnen. Abbé schossen die Tränen in die Augen. Er trat wütend zu, traf das Schienbein seines Vaters und
dieser heulte überrascht auf.
„Scheißkröte!“, schrie Kilian mit hochrotem Kopf und rieb sich die schmerzende Stelle. „Na warte!“ Er packte seinen Sohn, riss ihm die Hose vom Leib und drückte Abbés Kopf in den Kot. „So, du
Versager. Hier, friss!“
Als der Kleine hilflos zu wimmern begann, grunzte sein Vater zufrieden.
„Samuel, um Himmels willen, was tust du da?“ Elisabeth Kilian hielt sich vor Entsetzen die Hand vor den Mund. „Lass den Jungen in Ruhe. Jesses Maria und Josef! Komm zu dir - du bringst ihn ja
um!“
Der Druck auf Abbés Kopf ließ nach. Heulend und spuckend stürzte er zu Boden und rollte sich zusammen wie ein Embryo. Er konnte kaum mehr atmen. Sein eigener Kot hatte ihm Nase und Mund
verstopft. Vor Ekel übergab er sich, genau auf die Gummistiefel seines Vaters.
„Gott verdamme mich, schau dir jetzt diese Sauerei an!“, schrie sein Vater und wollte sich erneut auf seinen Sohn stürzen, doch die Mutter hielt ihn zurück.
„Bitte, Samuel, lass ihn, er ist doch erst fünf. Ich werde alles sauber machen … versprochen.“
Einen kurzen Moment zögerte Kilian und es sah fast danach aus, als würde er auf ihre Bitte nicht eingehen, doch dann ließ er von Abbé ab.
„Das will ich dir auch geraten haben, Frau", sagte er kalt, „ansonsten weißt du ja, was dir blüht.“
Er wandte sich ab, schlüpfte aus den Gummistiefeln und stapfte in Strümpfen durch den Gang in die Küche. Kurze Zeit später hörte man das Klirren von Glas und das Radio dudelte einen bekannten
Schlager.
Abbés Mutter sank auf die Knie und begann ihrem Sohn das Gesicht mit ihrer Schürze abzuwischen. Die Tränen liefen ihr über die Wangen und ihre Schultern zuckten.
„Es ist der Alkohol, mein Engel“, sagte sie. „Der Alkohol macht ihn so böse. Versprich mir, dass du nie …“
„memento mori!“ ist bis jetzt sicher mein außergewöhnlichster Roman, der eigentlich gar nicht zu mir passt, wie ich oft höre. Nun ja, was bringt eine Lyrikerin dazu, über einen
Psychopathen zu schreiben?
Zum einen wollte ich schon immer mal eine Geschichte über einen Außenseiter verfassen und zum anderen über jemanden schreiben, dessen Taten man zwar verabscheut, diese aber bis zu einem Grad
nachvollziehen kann. Gemäß dem Gedanken: "Er konnte in seiner Gedankenwelt gar nicht anders handeln." Ein schwieriges Thema, dem ich hoffentlich gerecht geworden bin.
Des Weiteren lockte mich der Gedanke, einmal einen Roman zu schreiben, der in Bern spielt. Ein bekannter Ort erscheint einem plötzlich in einer ganz neuen Perspektive, so bald
sich eine erfundene Person darin bewegt.

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Margot S. Baumann
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Weder ihr mürrischer Großvater noch Massimo, der gutaussehende Neffe des Gutsbesitzers, empfangen sie mit offenen Armen. Doch Gefühle sind wandelbar. Ein gemeinsam aufgedecktes Familiengeheimnis schweißt Allegra und Massimo eng zusammen und stürzt sie in ein unerwartetes Liebeschaos.
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