Die Frau in Rot

Klappentext

 

Wenn die Zeit endet, beginnt die Ewigkeit. Eine Geschichte - zwei Epochen.

 

Anouk, einst ein gefragtes Model, weiß nach einem Unfall, der ihre beste Freundin das Leben kostete, nicht
mehr ein noch aus. Sie zieht zu ihrer Großtante in ein beschauliches Schweizer Dorf.

Doch bald hat Anouk das Gefühl, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, denn sie hört Stimmen, sieht

Personen, die schon lange verstorben sind – und jene geheimnisvolle Frau im roten Kleid, die ihr offenbar

etwas Bedeutendes mitteilen möchte …

 

Buchtrailer


Leseprobe

Landsitz der von Diesbach, Mai 1743

 

„Ihr könnt mich nicht dazu zwingen!“

Bernhardines Augen funkelten. Wütend presste sie die Lippen aufeinander und warf den Kopf in den Nacken. Dabei verrutschte ihre Perücke, und eine rote Haarlocke stahl sich unter ihr hervor, die sie sich ärgerlich aus der Stirn pustete.

„Mädchen“, brummte ihr Vater, und eine Falte bildete sich über seinen buschigen Augenbrauen, „benimm dich! Es gibt nichts mehr zu diskutieren. Die Sache ist per Handschlag besiegelt.“

„Per Handschlag?“ Bernhardines Stimme überschlug sich. „Bin ich denn ein Ackergaul, den man am Markttag an den Meistbietenden verhökert?“ Sie ballte die Hände zu Fäusten.

Franz Ludwig von Diesbach, Freiherr zu Liebistorf, stieß den Stuhl zurück, stand auf und hieb mit der flachen Hand auf den Sekretär, so dass einige Schriftstücke in die Luft flogen und langsam zu Boden flatterten.

„Es reicht, Bernhardine Amalia!“, fauchte er seine Tochter an. „Du vergisst dich! Am Fünfzehnten wirst du dich auf den Weg nach Schloss Hallwyl machen, und im Juni wird geheiratet. So ist es abgemacht und wird geschehen!“

Er wies mit dem Arm zur Tür und ging drohend einen Schritt auf seine Tochter zu. Bernhardine raffte ihr Kleid und stürmte aus dem Arbeitszimmer.

Franz Ludwig ließ sich schnaufend auf seinen Stuhl zurückfallen und seufzte. Er strich sich den Schweiß von der Stirn, wischte die Hand an seiner Kniehose ab und kratzte sich unter der Allongeperücke, die einen penetranten Geruch nach Talkumpuder und Schweinefett verbreitete. Der Sommer hatte erst begonnen, doch schon jetzt ächzte das ganze Land unter einer brütenden Hitze, die breite Risse im Ackerboden entstehen ließ und das Vieh beutelte. Amandine, sein Eheweib, lag ihm seit Tagen in den Ohren, nach Bern zurückzukehren, um die heißen Tage in ihrer Stadtresidenz zu verbringen. Doch Franz Ludwig hatte keine Lust auf endlose Mahlzeiten in unbequemer Kleidung und städtisches Geschwafel.

Er hangelte mit seinem Schnallenschuh nach einem Pergament, das zu Boden gefallen war, und hob es auf. Es zeigte seinen zukünftigen Schwiegersohn. Der Künstler hatte den Bräutigam darauf mehr als geschönt.

Johannes von Hallwyl war Witwer, fünfundfünfzig und somit zwei Jahre älter als er selbst. Der Aargauer trug einen altmodischen Gehrock mit Aufschlägen, ein gefälteltes Hemd, das ihm wie eine Schaumkrone aus der geknöpften Weste sprang, dazu einen Dreispitz mit einer albernen Feder.

Franz Ludwig zog die Mundwinkel nach unten. Ein Adonis war sein zukünftiger Eidam wahrlich nicht. Aber Bernhardine war schon sechzehn Jahre alt, und ihr rebellisches Wesen hatte in der Vergangenheit alle Bewerber in die Flucht geschlagen. Seitdem er den Hallwyler im Frühjahr in Einsiedeln kennengelernt, und dieser ihm von seinem einsamen Leben auf seinem Schloss berichtet hatte, hielt es Franz Ludwig daher für eine großartige Idee, ihm seine Jüngste schmackhaft zu machen. Der Mann war so vermögend, dass er keine übertriebene Mitgift forderte. Des Weiteren schickte ihm der Aargauer ein paar seiner besten Handwerker, die den von Diesbach die löchrigen Decken reparieren sollten. Unentgeltlich!

Franz Ludwig legte das Porträt seines zukünftigen Schwiegersohns auf den Sekretär zurück. Bernhardine musste sich eben fügen. Schließlich war sie bloß eine Frau und hatte zu gehorchen.

„Weiber!“, knurrte er. „Man hat nur Scherereien mit ihnen.“

 

* * *

 

Seengen, 2010

 

Die Dämmerung kroch über den See, und die Menschen vor dem Schlosstor setzten sich in Bewegung. Anouk reichte ihrer Großtante den Arm, und zusammen schritten sie über die Steinbrücke durchs weit geöffnete Eingangstor.

Im Hof des Schlosses hielt Anouk Ausschau nach Max, konnte seinen braunen Haarschopf in der Menge jedoch nirgendwo entdecken. Valerie suchte unterdessen nach den Eintrittskarten in ihrem gelben Tüllbeutel. Der Kontrolleur, ein Mann in klobigen Holzpantinen, weißem Hemd und grauer Kniehose, drückte ihnen je ein Glas Champagner in die Hand, und nachdem sie das prickelnde Getränk getrunken hatten, nahmen sie ihre Plätze in der dritten Reihe ein. Valerie versuchte, sich so hinzusetzen, dass ihr der Reifrock nicht den Blick auf die Bühne versperrte. Doch der klappte bei jedem Kontakt mit der Sitzfläche sofort nach oben und zeigte ein Stück ihrer spitzenbesetzten, knielangen Unterhose. Das Gelächter ringsum war Anouk peinlich. Sie machte sich so klein wie möglich. Valerie fand die Situation dagegen eher erheiternd. Nachdem ein hilfreicher Galan ihr den ganzen Tüll, samt Spitze und Damast unter den Stuhl geklemmt hatte, konnte schließlich auch ihre Großtante einen freien Blick auf die Bühne genießen.

Die Sonne ging als glühender Feuerball zwischen den dicken Eichen des Schlossparks unter. Fast augenblicklich begannen hunderte von Zikaden mit ihrem monotonen Gezirpe. Valerie förderte einen Mückenspray zutage, sprühte sich kräftig damit ein und reichte ihn dann an Anouk weiter. Die musste sich ein Lachen verbeißen. Man konnte ihrer Großtante vieles nachsagen, aber wenn es um praktische Dinge ging, war sie unerreicht. Plötzlich flammte ein Scheinwerfer auf und warf einen hellen Lichtkegel auf die niedrige Holzbühne. Das Gemurmel des Publikums erstarb. Das Orchester, das sich bislang noch in einem Zelt links neben der Bühne befunden hatte, nahm nun seinen Platz ein und stimmte die Instrumente. Anouk schaute auf die Uhr. Der Stuhl neben ihr war immer noch leer. Ärzte und ihre Notfälle!

In den nächsten Minuten vergaß sie jedoch Max Sandmeier, wie sie auch fast vergaß, wo sie sich befand. Die Musik nahm Anouk auf der Stelle gefangen. Die Melodie und vor allem die Stimme der Sopranistin berührten sie auf eine intime Weise. Es war, als kenne sie diese Musik schon seit langem, als wären diese Töne nur in ihr verschüttet gewesen und als hätte es bloß einiger weniger Akkorde benötigt, um sie wieder ans Tageslicht zu bringen.

Ein Kribbeln zog sich über Anouks Rückgrat, als ob eine Schar Spinnen daran entlangziehen würde. Sie schüttelte sich und in diesem Moment sah sie die Gestalt auf der Mauer. Rechts von ihrem Platz befand sich ein Aluminiumgerüst, auf dem zuoberst verschiedene Scheinwerfer angebracht waren. Gleich dahinter erhob sich die Außenmauer des Schlosses mit seinen quaderförmigen Zinnen. Zuerst dachte Anouk, es würde sich um eine Spiegelung der Sopranistin handeln. Doch im Gegensatz zu der in Hellblau gewandeten Sängerin trug die Gestalt auf der Mauer ein tief ausgeschnittenes, feuerrotes Kleid, dessen Schnitt Anouk ein wenig an das Kostüm erinnerte, das ihre Großtante an diesem Abend trug. Ihre langen Locken fielen ihr ungezähmt über den Rücken. Sie war barfuß und winkte Anouk lächelnd zu.

Die riss die Augen auf und blinzelte. Sie beugte sich etwas weiter nach vorne. Hatte die Frau den Verstand verloren? Was hatte sie dort oben denn überhaupt zu suchen? Gehörte das eventuell mit zur Aufführung? Anouk warf einen Blick ins Publikum. Doch bislang schien keiner der Anwesenden die Frau in Rot auf den Zinnen bemerkt zu haben. Aller Augen waren auf die Bühne gerichtet. Anouk schüttelte den Kopf und blickte erneut zur Außenmauer empor. Die Frau stand noch immer dort oben, hob noch einmal die Hand, presste die andere an ihre Brust und ließ sich dann einfach rücklings ins Nichts fallen.

Historische Fakten

Das Schloss Hallwyl ist eines der bedeutendsten Wasserschlösser der Schweiz und befindet sich auf zwei Inseln im Aabach, nahe dem nördlichen Ende des Hallwilersees auf dem Gebiet der Gemeinde Seengen. Seit 1925 ist es öffentlich zugänglich und seit 1994 im Besitz des Kantons Aargau und ist Teil des Museums Aargau. (Text Wikipedia).

Ich bin nicht weit von diesem Schloss aufgewachsen und habe deshalb eine gewisse Vorliebe für das Anwesen. Daher habe ich die Örtlichkeit auch für meinen Roman ausgesucht.  Mit Klick aufs Bild gelangt man auf die Website des Schlosses.

Bild: © Kanton Aargau
Bild: © Kanton Aargau

Bernhardine von Hallwyl, geb. von Diesbach, die eine Protagonistin in meinem Roman, gab es tatsächlich. Sie lebte von 1728–1779, stammte aus einer vornehmen Berner Familie und heiratete mit 16 den 55-jährigen Johannes von Hallwyl. Nach dessen Tod wurde ihr Leben von der Trauer um eine verlorene Tochter, der Sorge um ihre kranken Söhne und der eigenen Gebrechlichkeit bestimmt.

Die Geschichte, wie ich sie in dem Buch erzähle, ist jedoch frei erfunden. Und auch die Eheprobleme, die ich dem Ehepaar andichte, entstammen meiner Fantasie. Gemäss meinen Recherchen war Bernhardine ihrem älteren Ehemann nämlich eine hingebungsvolle Gattin. Sie möge mir also verzeihen.

Das Leben im 18. Jahrhundert. Das Leben aristokratischer Damen im 18. Jahrhundert war geprägt von den damals typischen weiblichen Vergnügungen, wie sich herauszuputzen, malen, musizieren, lesen und Handarbeiten. Die Erziehung der Kinder oblag meist den Dienstboten.

Reiseliteratur war groß in Mode und der Wunsch, fremde Orte und Länder kennenzulernen, wuchs rasant. Die Fahrt mit der Postkutsche war jedoch nach wie vor beschwerlich und langsam (vier bis fünf Kilometer pro Stunde). Kein Wunder, langweilt sich die Bernhardine in meinem Roman auf dem Land, wo sich doch aus einer Stadt wie Bern abstammt, in der es an Vergnügungen und Zerstreuung nicht mangelte.

Malerei: Niederländer hui, Italiener pfui – auf diese etwas vereinfachende Formel lässt sich der Kunstgeschmack des 18. Jahrhunderts bringen. Was das für Bernhardine bedeutet, wird in meinem Roman ausführlich beschrieben.

Das Leben einer Adligen spielte sich meist nicht in der Öffentlichkeit ab. Sie konnte sich jedoch kulturell betätigen. In allen Ständen lebte die Frau jedoch im Schatten ihres Mannes. Nur, wenn die Frau sich dem Mann völlig unterordnete, konnte es nach damaligen Ansichten eine glückliche Ehe werden. Was "meine" Bernhardine von diesem Leben hielt, nun ja, das müssen Sie selbst herausfinden.

Eheleute siezten sich meist, zudem wurde in adeligen Kreisen nur Französisch gesproch. Das galt als chic und vertiefte den Graben zwischen einfachen Leuten und dem Adel zusätzlich. Was es ihm gebracht hat, sieht man an der Französichen Revolution ... ja, ein bisschen Galgenhumor muss schon sein.