Leseprobe 'Rigantona'

 

 

 Rina hetzte blind durchs dicke Gestrüpp. Die knorrigen Zweige der Ginsterbüsche schlugen ihr ins Gesicht und hinterließen blutige Striemen auf ihrer Wange. Sie war schweißgebadet, fror aber entsetzlich, und ihre Zähne schlugen klappernd aufeinander. Der Himmel hatte sich wieder mit dicken Wolken überzogen und orientierungslos stolperte sie durch die Dunkelheit. Jetzt wusste sie, wer das Ungeheuer in ihrem Traum gewesen war.

Ab und zu riskierte sie einen hastigen Blick über die Schulter. Wenn sie nur wüsste, wo sie sich befand! Nirgends gab es einen Anhaltspunkt, an dem sie sich orientieren konnte. Der Weg zurück war durch Lamont versperrt; sie musste also einen großen Bogen um den Steinkreis machen, um dann wieder Richtung Fortingall Manor gehen zu können.

Rina hielt einen Moment inne und rang nach Atem. Keuchend stand sie vorn über gebeugt und hielt sich die Seite. Warum verfolgte er sie nicht? Er hatte doch den ganzen Zauber nicht organisiert, nur um sie dann mit einem Schrecken davonkommen zu lassen. Hinter ihr knackte ein Zweig, und sie starrte erschrocken in den Strahl einer Taschenlampe.

 

„So sieht also eine Göttin aus! Reichlich unordentlich ... Und sogar Blut tropft von der holden Wange."
Der Mann trat näher und Rina sah, dass er Handschuhe trug. Ihr wurde eiskalt. Niemand trug im Sommer Handschuhe ... auch nicht in Schottland: Lamont hatte also einen Helfer.

„Wer sind Sie?", fragte sie immer noch stark schnaufend.

„Das spielt absolut keine Rolle, Schätzchen. Los, beweg dich!" Er drückte ihr eine Pistole auf die Brust.

„Und wohin?"

„Schnauze! Das wirst du schon sehen."

 

Das Gelände wurde zusehends sumpfiger. Ab und zu blieben Rinas Schuhe im Morast stecken und lösten sich nur mit einem lauten Schmatzen wieder. Ein intensiver Fäulnis- und Verwesungsgeruch lag in der Luft.

Das Moor! Natürlich. Er trieb sie ins Moor. Der Kerl musste sie nicht einmal erschießen. Schottland würde sie einfach verschlingen und es sähe wie ein bedauerlicher Unfall aus. Was für eine makabere Idee!

Rina wusste zwar, dass es nur wenige Stellen in einem Moor gab, an welchen man restlos versinken konnte, aber, da man sie hierher gelockt hatte, würde es in dieser Gegend vermutlich solche Plätze geben. Wie schön für sie.

„Bleib stehen!", forderte sie der Mann auf, zog eine Karte hervor und leuchtete mit der Taschenlampe darauf. Er schaute sich kurz um: „Nach rechts, los, etwas schneller!"

 

Er wird mich töten. Der Gedanke war so erschreckend, dass sie eine Gänsehaut bekam. Eine Stimme in ihrem Kopf flüsterte eindringlich: Du hast keine Chance, gib auf! Und ein Teil von ihr driftete bereits in die Resignation ab. Ihre Schultern sackten nach vorne und sie stolperte über eine Wurzel. Doch plötzlich stand Nicos Gesicht vor ihr. Er lächelte verschmitzt und nickte ihr aufmunternd zu. Rina hob den Kopf, ihre Schultern strafften sich und sie atmete tief ein. Es war verdammt noch mal ihr Pflicht, wenigstens zu versuchen davonzukommen. Sie drehte sich um.

„Wissen Sie eigentlich, dass es praktisch unmöglich ist, einen Körper vollständig in einem Moor zu versenken?" Der Mann schwieg und drückte ihr die Pistole nur noch fester in den Rücken. „Die vielen Sagen und Geschichten über Moorleichen sind nahezu alle erfunden. In sogenannten Moorkolken, also stark verlandeten Seen und ehemaligen Tümpeln, die zuwachsen, kann das möglich sein, aber hier ganz sicher nicht."

„Halt die Klappe!", sagte der Fremde unwirsch. „Der Sir weiß schon was er tut."

„Verstehe. Das ist also Lamonts Idee. Hätte ich mir denken können. Mein Vater ist Geologe und ich weiß daher sicher mehr darüber, als der Herr Bauunternehmer. Voraussetzung für die Entstehung einer Moorlandschaft ist ein wasserundurchlässiges Fundament, zum Beispiel ein Lehmboden, und ein starker Wasserüberschuss. Wie Sie hier sehen, ist es zwar feucht, aber es hat viel zu wenig Wasser, als dass man hier bis über den Kopf versinken könnte. Der Lehmboden befindet sich nur etwa fünfzig Zentimeter unter der Oberfläche ... von daher können hier höchstens Mäuse ersaufen."

Sie warf ihm aus den Augenwinkeln einen kurzen Blick zu und sah zufrieden, dass er sich prüfend umschaute. „Bis heute sind in Mittel- und Westeuropa rund sechshundert Moorleichen gefunden worden. Fast alle stammen aus der Bronze- oder Eisenzeit. Damals hat man verurteilte Verbrecher im Moor hingerichtet. Bei den zahlreichen archäologischen Ausgrabungen stieß man auch auf Opferstellen der Germanen. Ein Holzsteg führte zu Stellen, an denen Schmuckstücke, Speere, Waffen und geschnitzte Götterstatuen versenkt werden konnten. Der unheimliche Ruf der Moore stammt daher lediglich aus Mittelalter und Frühgeschichte. Wie Sie feststellen, gibt es hier aber keinen See und noch weniger Holzstege. Die Warntafeln sind lediglich dazu da, dass keine Touristen durchs Moor latschen und alles niedertrampeln."

„Bist du jetzt fertig?", fragte der Mann ungehalten, wobei seine Stimme nicht mehr ganz so überheblich klang.

„Ja. Außer, es würde Sie interessieren, welche Grabbeilagen ..."

„Halt jetzt endlich die Klappe, verdammt noch mal! Das ist ja nicht zum Aushalten. Mir ist es vollkommen egal, ob du hier ersäufst oder ob ich dich abknalle. Tot ist tot und damit basta!"

 

Vor ihnen erstreckte sich eine dunkle Fläche, auf der sich das Mondlicht spiegelte. Rina war sich sicher, dass sie soeben in den gefährlichen Teil des Moors eingedrungen waren. Jetzt würde es sich entscheiden, ob sie die Qualitäten einer zukünftigen Königin besaß.

„Deagh-bheus, slàinte, sonas agus beartas!", schrie sie laut und der Kerl hinter ihr japste vor Überraschung. „Deagh-bheus, slàinte, sonas agus beartas!", kreischte sie nochmals und hob die Arme gegen den Himmel.

„Hör sofort auf damit! Was faselst du denn da?"

Er verstand also kein Gälisch, sonst hätte er sicher an Rinas Verstand gezweifelt. Es war ein Spruch, den sich die Schotten zu Neujahr wünschten und ihr war lediglich dieser eingefallen.

„Ich rufe meine Götter, damit sie meine Seele ins andere Reich begleiten. Vielleicht materialisieren sie sich auch. Schließlich habt ihr die acht Fackeln angezündet."

„So ein Humbug!" Der Mann lachte gepresst, sah sich aber argwöhnisch um.

Rina blieb stehen. Sie befanden sich jetzt unbittelbar am Rand des Gewässers, daher rief sie noch einmal voller Inbrunst: „Deagh-bheus, slàinte, sonas agus beartas!", und fuchtelte heftig mit den Armen.

„So, jetzt reicht's aber!"

Er wollte sie packen, doch Rina schlug geschickt einen Haken nach links, und der Mann griff ins Leere. Er schwankte, ruderte wild mit den Armen und fiel der Länge nach ins Wasser. Er schrie entsetzt auf, ging unter und kam prustend wieder an die Oberfläche.

„Hilfe!", schrie er. „Hilf mir!"

 

Rina schauderte, starrte aber hypnotisiert auf die verzweifelten Versuche des Mannes, ans Ufer zu krabbeln. Ein Schwall Wasser traf sie mitten ins Gesicht und sie erwachte aus ihrer Lähmung. Konnte sie wirklich zusehen, wie ein Mensch vor ihren Augen starb? Selbst einer, der sie hatte töten wollen?

Ihre Augen suchten das Gelände fieberhaft nach einem Ast ab, doch ringsum wuchsen nur Heidekraut und knorrige Ginsterbüsche. Mit bloßen Händen würde sie den schweren Mann nicht aus dem Morast herausziehen können. Womöglich würden sie dann beide versinken.

„Hilf mir doch. Gott, ich ertrinke!", schrie er panisch.

 

Rina wurde übel und sie hielt sich die Ohren zu. Es dauerte nicht lange. Plötzlich war es totenstill. Nur ein paar vereinzelte Luftblasen stiegen noch aus dem dunklen Wasser und zerplatzten an der Oberfläche. Dann war der Spiegel wieder glatt und ruhig.

„Deagh-bheus, slàinte, sonas agus beartas", murmelte Rina noch einmal. Tugend, Gesundheit, Reichtum und Glück! Dann fing sie hysterisch an zu schluchzen.

 

 


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