Wettbewerbsbeitrag bei Quo Vadis, Thema 'Sternstunden', 2009

 

 

By a Lady  

 

 

Jane stellte den Korb mit den Kartoffeln auf die Küchenbank und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der September war in diesem Jahr ungewöhnlich heiß und seit Wochen hatte es in Hampshire nicht mehr geregnet. Sogar die Heckenrosen vor dem Fenster ließen erschöpft die Köpfe hängen. Jane sehnte sich - nicht zum ersten Mal - nach Bath und der dortigen Meeresbrise zurück. Doch seit dem Tod ihres Vaters lebten sie in Chawton; bewohnten ein viel zu kleines Cottage, das weder über größere Annehmlichkeiten noch besondere Schönheit verfügte. Ihre finanzielle Lage hatte sich auch nicht wirklich gebessert, obwohl sie täglich eine Anweisung aus London erwarteten. Hundertvierzig Pfund hatte der Verleger ihr für ihr erstes Buch versprochen. Ein Vermögen in ihrer jetzigen Situation. Doch bis anhin war das Geld noch nicht eingetroffen. Und letzte Woche mussten sie deswegen sogar Molly entlassen, die ihnen durch die Jahre hindurch eine fabelhafte Köchin und gleichzeitig eine treue Freundin gewesen war. Jane seufzte und trat wieder auf den Hof hinaus, wusch sich die schmutzigen Hände am Brunnen und trocknete sich, mangels eines Handtuches, die Finger an ihrer Schürze ab.
„Jane? Bist du hier?" Ihre Schwester Cassandra steckte den Kopf durchs Küchenfenster und winkte aufgeregt. „Die Gäste kommen. Beeil dich bitte."
Die Gäste! Jane lief eilig die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer. Die hatte sie ja ganz vergessen. Durch das geöffnete Fenster hörte sie bereits Hufescharren, das Schlagen von Kutschentüren und die hohe, etwas hysterische Stimme ihrer Mutter. Sie würde sie schelten, weil sie nicht bei der Ankunft von Lady Woodhouse, deren Tochter und eines entfernten Verwandten der Familie, dessen Name ihr entfallen war, zugegen sein würde. Jane schlüpfte hastig aus der schmutzigen Schürze, warf sie achtlos über einen Stuhl und schüttelte den Staub aus den Röcken. Sie kniff sich in die Wangen, presste die Lippen zusammen und steckte eine Haarlocke in den Dutt zurück. Dann eilte sie die Stufen hinab und kam gerade noch rechtzeitig, als die Ankömmlinge durch die Haustür traten.
„Lady Woodhouse, was für eine Ehre, Sie bei uns begrüßen zu dürfen", plapperte ihre Mutter ergeben. „Kommen Sie doch bitte herein. Es ist ungewöhnlich schwül heute und im Haus ist es angenehm kühl."
Misses Austen warf der schwer atmenden Jane einen bösen Blick zu, wandte sich dann aber wieder lächelnd an den Besuch. „Darf ich Ihnen meine zweite Tochter Jane vorstellen?", flötete sie.
Jane senkte brav den Kopf und knickste. „Lady Woodhouse, es ist mir eine Ehre."
Lady Agnes Woodhouse, Erbin eines immensen Vermögens, das ihr verstorbener Mann mit dem Import von Rohbaumwolle aus den neuen Kolonien erwirtschaftet hatte, kniff die Augen zusammen und musterte Jane wie eine Legehenne auf dem Wochenmarkt.
„Ah, die andere unverheiratete Tochter", sagte sie herablassend und Jane entging der ironische Unterton nicht. „Sehr erfreut, Kind. Meine Tochter Heather", sie schob ein etwa vierzehnjähriges, schüchtern lächelndes Mädchen in einem kanariengelben Kleid, in den Vordergrund, „und mein Neffe zweiten Grades, Offizier James Elroy Thunsteed, der uns Frauen freundlicherweise auf der Sommerfrische begleitet." Letztgenannter, ein stattlicher Mann Mitte Dreißig in einer rotschwarzen Uniform, nickte Jane zu und schlug die Hacken zusammen.
„Sehr erfreut, Miss Jane Austen. Ich hatte bereits das Vergnügen Miss Austen, Ihre verehrte Schwester, bei meinem letzten Besuch in Bath kennen zu lernen. Sie hat sehr wohlwollend und herzlich von Ihnen gesprochen, und ich war schon damals sehr erpicht darauf, ihre jüngere Schwester persönlich zu treffen."
Jane hob irritiert die Augenbrauen und warf Cassandra einen verwunderten Blick zu, die sich jedoch nichts anmerken ließ und mit hochrotem Kopf den fast blinden Spiegel über der Ankleide musterte. Seit wann hatte ihre Schwester denn Geheimnisse vor ihr?
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Mister Thunsteed", erwiderte Jane höflich. „Und ich hoffe, Ihre Erwartungen werden nicht enttäuscht. In keiner Hinsicht", fügte sie süffisant hinzu, was ihr einen Fußtritt ihrer Schwester und ein verlegenes Hüsteln seitens des Offiziers einbrachte.
„Aber was stehen wir denn alle hier herum?", unterbrach ihre Mutter das Geplänkel, „ich vergesse ganz meine Pflichten als Gastgeberein. Gehen wir doch in den Salon, meine Herrschaften. Eine Tasse Tee und etwas Gebäck wird uns allen gut tun."

„Ihr Mann, meine Liebe - Gott hab ihn selig - war mir eine große Stütze, als mein geliebter Edward starb. Sein Beistand gab mir Kraft, und seine Predigten sind mir auch heute noch unvergessen. Ein Labsal für jede gepeinigte Seele."
Janes Mutter schien ganz hingerissen von Lady Woodhouses lobenden Worten zu sein und tupfte sich gerührt die Augenwinkel mit einem Spitzentaschentuch ab.
„In der Tat, Mylady, Mister Austen war ein wahrer Mann Gottes." Sie seufzte und hielt ihrem Gast das Teegebäck hin. „Viel zu früh hat er uns Frauen leider verlassen müssen, die wir nun auf das Wohlwollen von Verwandten angewiesen sind."
Bei den Worten warf sie ihren beiden Töchtern einen betrübten Blick zu. Cassandra bemerkte ihn nicht, da ihre Augen die ganze Zeit an der Gestalt des schmucken Offiziers hingen, aber Jane biss sich auf die Lippen. Sie wusste genau, dass ihr Mutter auf ihre gelöste Verlobung mit Harris Bigg-Wither anspielte. Aber sie hatte sich einfach nicht überwinden können, diesen blassen, versnobten Dandy zu ehelichen. Auch wenn sie eine Heirat, und damit ihre Mutter und natürlich auch Cassandra, aller finanziellen Sorgen enthoben hätte. Jane hatte deswegen ein schlechtes Gewissen, aber sie war nach wie vor der festen Überzeugung, richtig gehandelt zu haben.
„Aber meine Damen", unterbrach Lady Woodhouse Janes Gedanken, „lassen Sie uns jetzt nicht in Trübsal verfallen. Das Leben geht weiter und hat doch noch das eine oder andere bescheidene Vergnügen für uns parat. Mein Neffe hat mir gerade kürzlich einen wunderbaren Roman aus London mitgebracht und versüßt meiner Tochter und mir das Reisen damit, uns daraus vorzulesen. James, mein Lieber, würdest du den Damen ein paar Seiten vortragen? Ich bin sicher, diese nette Geschichte wird sie auf andere Gedanken bringen."
Der Offizier zuckte erschrocken zusammen, als er seinen Namen hörte, hatte sich aber sogleich wieder im Griff, riss sich von Cassandras Blick los und zog aus seiner Uniformjacke einen blauen Einband hervor.
„Natürlich, liebste Tante, ganz wie Sie wünschen." Er räusperte sich und begann: „Sinn und Sinnlichkeit ... von einer Lady. Kapitel eins. Die Familie Dashwood war seit langem in Sussex ansässig. Ihr Besitz war ..."
Cassandras Kopf schoss in die Höhe. Jane fühlte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich, nur um sie gleich wieder erröten zu lassen. Sie schnappte hörbar nach Luft.
„Sie müssen wissen, Misses Austen", flüsterte Lady Woodhouse Janes Mutter vertraulich zu, ohne ihren Neffen zu unterbrechen, der mit wohlklingender Stimme vorlas und dabei auf und ab schritt, „ich darf mich rühmen, die Autorin, die aber gerne inkognito bleiben will, persönlich zu kennen und sie gar zu einem Charakter in dem Buch inspiriert zu haben."
Janes Mund öffnete sich bereits zum Widerspruch, als sie Cassandras Hand auf ihrem Arm spürte. Sie wandte den Kopf und sah, wie ihre Schwester eindringlich den Kopf schüttelte und sie beschwörend fixierte. Jane schluckte, atmete tief durch und nickte. Es würde zu nichts führen, wenn sie diese impertinente, großspurige Dame der Gesellschaft in die Schranken wies, und sie mit ihren Lügen der Lächerlichkeit preis gab. Im Gegenzug hing vielleicht Cassandras Glück von dieser Fuchtel ab. Sie konnte ihre Schwester nicht schon wieder einer Zukunftschance berauben. Deshalb lehnte sie sich seufzend zurück, nickte Cassandra verstehend zu und lauschte weiter Offiziers Thunsteeds Vortrag. Dass ihre Lippen dabei die Worte lautlos nachformten, bemerkte niemand.

A Chorus Line

 

Ich habe Tanzfilme immer gemocht. Als Kind schaute ich sie mir mit meiner Mutter im Fernsehen, später mit einer Freundin zusammen im Kino an. Ich liebte die Lieder, die tollen Kostüme und die Leichtigkeit, mit der die Künstler über die Bühne wirbelten, samt ihrem Enthusiasmus für das, was sie taten. Im Laufe der Jahre verflog diese Affinität ein wenig und nicht viel ist mir von all dem Gesehenen im Gedächtnis geblieben. Aber, woran ich mich immer wieder erinnere, ist der Film ‚A Chorus Line'. Und nicht etwa, weil dort die Tanzszenen besser gewesen wären, als in den anderen Filmen, nein, es ist ein Lied, an das ich von Zeit zu Zeit denken muss.
Eine Frau mit lateinamerikanischen Wurzeln - ich erinnere mich nur noch an ihren Nachnamen: Morales - singt dieses Lied auf der Bühne. Es handelt davon, dass ihr Schauspiellehrer die Klasse auffordert, sich vorzustellen, sie wären ein Stein, ein Tisch, irgendein lebloses Objekt. Und Morales kann sich nicht einfühlen. Findet es sogar lächerlich, einen Stein zu mimen, was es an sich ja auch ist. Der Lehrer rügt sie deswegen. Sagt zu ihr, sie hätte kein Einfühlungsvermögen, keine Feuer. Sie gebe sich keine Mühe und aus ihr würde nie eine gute Schauspielerin werden. Morales fühlte sich deswegen natürlich minderwertig, unzulänglich, gedemütigt und als Versagerin.
Irgendwann, Jahre später, stirbt dieser Lehrer. Morales, als sie davon hört, geht in sich, um zu ergründen, ob sie Trauer fühlt, und sie spürt: Nichts! Das ist das Lied, die Szene, die mich bei diesem Tanzfilm am meisten bewegte. Und ich weiss noch, was ich damals dachte, dass es doch unmenschlich ist, nichts zu fühlen, wenn ein Mensch stirbt, den man gekannt hat.

 

Heute Morgen rief mich meine Mutter an und sagte mir, dass mein ehemaliger Lehrmeister gestorben ist. Er war Zahnarzt und schon alt, als ich damals meine Lehre als Dentalassistentin bei ihm begann. Das liegt jetzt bald dreissig Jahre zurück; er muss daher ein biblisches Alter erreicht haben.
Ich hatte mich damals spontan zu dieser Lehre entschlossen, weil ich nicht wusste, was ich werden wollte. Daher war diese Wahl so gut wie jede andere. Oder so schlecht, je nach dem. Denn nach einem Jahr habe ich die Ausbildung abgebrochen. Nicht, dass man mich geschlagen oder mir die Arbeit nicht gefallen hätte, aber der ‚Herr Doktor' gab mir immer das Gefühl, ich sei nichts Wert. Ich konnte mich noch so anstrengen, mir noch so viel Mühe geben, er fand immer etwas an mir auszusetzen. Es gab Tage, da wünschte ich mir, dass die Strassenbahn, mit der ich zur Arbeitsstelle fuhr, entgleisen würde, nur damit ich nicht in die Praxis müsste.

Ich war oft krank während meiner Lehrzeit. Und je öfters ich fehlte, desto mehr wurde mir meine Abwesenheit vorgeworfen. Meine Eltern waren ratlos. Ich, die vorher nie krank gewesen war, litt ständig unter Bauch- und Kopfweh, Müdigkeit und Erbrechen. Die erprobten Hausmittelchen halfen wenig bis gar nicht, aber zum Arzt ging man wegen so einer Lappalie nicht. Was hätte ich ihnen sagen sollen, auf die Frage, was denn mit mir los sei? Dass ich ständig von Alpträumen geplagt würde und meine Lehrstelle hasste? Dass ich mich vor meinem Chef fürchtete, weil er mich mit seinem Sarkasmus zum Weinen brachte? Für meine Eltern war ein studierter Mann über alle Zweifel erhaben. Sie hätten mich nicht verstanden.

„Als Lehrling muss man unten durch!", sagte mein Vater immer. Zähne zusammenbeissen, war seine Devise. Welche Ironie, bei einer Dentalassistentin! So biss ich halt meine Zähne zusammen, bis sie schmerzten und bis der Zusammenbruch kam. Telefonanrufe wurden getätigt. Eine Frau von der Lehrlingsaufsichtsbehörde kam zu mir und fragte Dinge, die mir peinlich waren. Mein Vater fuhr zum ‚Herrn Doktor' und kam mit ernster Mine zurück. Meine Mutter weinte und es fielen harte Worte: Versagerin, unbrauchbar. Der Lehrvertrag wurde aufgehoben. Ich wurde wieder gesund und fand eine andere Lehrstelle in einem Warenhaus, wo ich eine Ausbildung zur Verkäuferin absolvierte. Als ich das erste Mal ein Lob für eine gute Kundenberatung erhielt, brach ich in Tränen aus. Die Alpträume verschwanden, das Bauch- und Kopfweh auch. Meine Mutter erzählte noch Jahre später, dass ihr selbstgemachter Kamillentee wahre Wunder bei mir gewirkt hätte. Die Strassenbahn fuhr ohne Zwischenfälle, bis ich die Abschlussprüfung bestanden hatte. Mein Vater klopfte mir auf die Schultern. Seine Art, mir zu zeigen, dass er mir vergeben hatte. Aber was?

 

„Erinnerst du dich noch an den ‚Herrn Doktor'?", fragte mich meine Mutter.
Ich stand vor dem grossen Panoramafenster und blickte über die kahlen Felder.

„Ja", sagte ich.
Sie hätte heute die Todesanzeige in der Zeitung gelesen und sich gefragt, ob ich nicht eine Beileidskarte schicken möchte. Die Traueradresse laute folgendermassen... Ich griff nach einem Kugelschreiber und notierte mir mechanisch die Angaben, dann legte ich den Hörer auf. Aus dem Kinderzimmer dröhnte laute Musik und ich strich mir über die Stirn. Dann ging ich zum Fenster und öffnete es weit. Die kalte Winterluft vertrieb die aufkommenden Kopfschmerzen. Ich knüllte den Zettel zusammen, warf ihn in den Papierkorb und fühlte nichts.

 

Der Umgang mit Kritik (Essay)

 

  

Ich habe immer gedacht, ich würde gut mit Kritik umgehen können. Obwohl es doch manchmal etwas zwickte, wenn irgendjemand mich auf einen begangenen Fehler aufmerksam gemacht hat, konnte ich das doch meist mit einem lockeren Spruch abtun. Dass ich aber gegen Kritik nicht wirklich so resistent bin, wie ich immer gedacht habe, wurde mir erst bewusst, als ich begann, meine Gedichte im Internet zu veröffentlichen.


Die erste Kritik, die ich auf eines meiner Werke erhielt - es muss so um das Jahr 2000 gewesen sein-, war absolut vernichtend und ich spürte das säuerliche Gefühl der Frustration auf der Zunge. Meine erste Reaktion war: Zurückschlagen! Was fiel diesem Idioten eigentlich ein, sich so über mein Werk zu äussern, das mit Herzblut und nassen Augen geschrieben worden war!? Sollte der sich doch ins Knie fi...! Der hatte doch keine Ahnung! Und überhaupt!

Meine zweite Reaktion war, mich ins Schneckenhaus zurückzuziehen und meine Wunden zu lecken. Wie konnte jemand nur so unsensibel sein und mein schönes Gedicht so zerreissen? Wusste der nicht, wie er mich damit verletzte? Ich würde nie, nie mehr wieder irgend ein Gedicht verfassen! Dieser Kritiker hatte einen ungeschliffenen Diamant in den Staub getreten und nie würde die Welt von meinem Talent und Genie erfahren! Das hatte er jetzt davon, hoffentlich fühlte er sich darob so richtig schlecht! Jawohl!


So hatte ich – in dieser Situation – also zwei Möglichkeiten: Entweder mich mit Knüppeln ins Getümmel zu stürzen und zuerst auszuteilen, bevor ich einstecken musste, oder mich geschlagen und mit eingezogenem Schwanz von Dannen zu schleichen. Beides gefiel mir – ehrlich gesagt – nicht unbedingt und da ich ein Mensch der Tat bin, und denke, dass es für alles eine Lösung und einen begehbaren Weg gibt, machte ich mich auf die Suche nach jemandem, der mir helfen konnte, mit (Literatur)Kritik richtig umzugehen.

Ich fand diesen „Jemand“ in der Person von Vera F. Birkenbihl, deren Theorien mich in einer Art und Weise überzeugten, dass ich auch heute noch versuche, sie mir immer wieder in Erinnerung zu rufen. Ob das jetzt in Zusammenhang mit meinem Schreiben, meinem Privat- oder Berufsleben steht, spielt eigentlich keine Rolle, da sie auf alle Bereiche des täglichen Lebens angewandt werden kann, aber natürlich gehen wir hier jetzt primär vom Verfassen von Texten aus.

Die meisten Menschen fürchten Kritik, weil sie sie als Angriff sehen. Sie denken, der Kritiker bringt de facto zum Ausdruck: Hey, Freundchen, meine Meinung ist besser als deine! In dieser Situation und mit diesem Gefühl in der Magengrube sollten wir uns vor Augen halten, dass, wenn es uns so wichtig ist, was dieser Mensch jetzt von uns denkt, wir ihm dadurch auch eine gehörige Portion Macht in die Hände geben. Und nicht immer sind diese „Kritiker“ auch freundliche Menschen, die diese Macht nicht ausnützen würden oder wollen.
Um sich also vor solchen unerquicklichen Situationen und der daraus resultierenden Hilflosigkeit zu schützen, gibt es ein paar Fragen, die wir uns vorab stellen müssen:

- Wie reagiere ich, wenn ich einen Fehler mache?

- Wie reagiere ich, wenn andere einen Fehler machen?


Oftmals müssen wir uns eingestehen, dass es uns peinlich ist, wenn wir einen Fehler (ein schlechtes Gedicht schreiben) machen und dabei ertappt werden. Warum ist das so? Weil in unseren Köpfen gespeichert ist: Fehler sind schlecht!

Stellen wir uns einen Dreijährigen vor, der versucht, aus Bauklötzen einen Turm zu bauen. Ständig stürzt das Gebilde ein. Er versucht es wieder, es misslingt, der Kleine stutzt, begutachtet die Klötze von allen Seiten und probiert es wieder und wieder ... bis er es schafft. Die Freude ist grenzenlos, wenn der Turm dann endlich steht! Dieser Kleine lebt also die Weisheit (noch), dass man aus Fehlern unglaublich viel lernen kann. Aber nur, weil er sich – unbewusst natürlich – die Frage stellt: Nanu?! Das Scheitern stimmt den Knirps nachdenklich, er analysiert und zieht seine Lehren daraus.


Und jetzt der Neunjährige, wenn ihm ein Fehler oder eine Panne unterläuft. Er schaut sich verstohlen um, ob es jemand gesehen hat. Denn er hat bereits gelernt, seinen Fehlern mit negativen Gefühlen zu begegnen und fürchtet die Reaktion anderer. Für ihn bedeutet ein Fehler bereits das Ende einer missglückten Handlung.
Ab jetzt sind seine Energien vor allem auf diverse Fluchtmanöver gerichtet. In einer Situation sucht er Schuldige, die er angreifen kann nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“, in einer anderen Situation bastelt er sich – teilweise recht aufwendige – Rechtfertigungen, weil er im nachhinein Recht (an-)fertigen will.

Wieso ist das so? Denken wir an die Schule zurück. In der Schule wird jeder Fehler rot angestrichen. (Halten wir uns vor Augen, dass wir als Erwachsene uns wichtige Dinge mit Farbe markieren und wundern wir uns nicht, wenn Kinder farbig markierte Fehler noch ein zweites Mal machen) Diese Fehler werden also nicht nur speziell gekennzeichnet, sondern auch noch gezählt. Im Grunde ist das absurd. Kinder sollen Erfolge ohne Misserfolge und Leistung ohne Fehler fabrizieren? Das ist unmöglich und bringt uns zum Knackpunkt:

 

- Wer Angst vor eigenen Fehlern hat, kann zu wenig aus ihnen lernen

- Wer eigenen Fehlern gegenüber intolerant ist, wird ähnlich intolerant reagieren, wenn seine Mitmenschen einen Fehler begehen


Kommen wir wieder zu uns zurück. Wenn wir uns das ‚Nanu?!’ eines Dreijährigen erhalten können, dann halten wir uns den Weg offen, danach zu fragen, was denn schief gelaufen ist, damit wir den gleichen Fehler nicht noch ein zweites Mal machen. Wir haben also aus unserem Fehler etwas gelernt. Wenn uns das einleuchtet, können wir uns folgender Strategie nähern:


a.) Es geht um die innere Einstellung. Wenn uns klar wird, dass Fehler genau so notwendig für Wachstumsprozesse und unsere Entwicklung (auch beim Schreiben) sind, und wenn wir begreifen, dass manche Entwicklung halt erst nach dem tausendsten Fehlschlag (wie der berühmte Faden in der Glühlampe von Edison) einen Erfolg zeigt, dann können wir relativ schnell lernen, innerlich JA zu unseren Fehlern zu sagen.


b.) Wenn wir bereit sind, aus unseren Fehlern zu lernen, dann werden wir bei einem Angriff (Kritik) anders verfahren als früher. Wir werden nämlich dezidiert nachfragen, was denn der andere genau meint; welche Verbesserungsvorschläge er anzubieten hat etc.


Falls also dieser Mensch nicht einfach so rumgemeckert hat, dann lernen wir möglicherweise tatsächlich etwas - wenn er auf unsere Rückfragen eingeht -, das uns weiter bringt. Somit schlagen wir gleich drei Fliegen mit einer Klappe:


1. Könnte es sein, dass wir von der Kritik wirklich profitieren, weil wir nachgefragt haben und uns das Gegenüber hilfreiche Ratschläge gibt.


2. Ist jede interessante Frage auch eine Streicheleinheit für den Kritiker, zeigt sie ihm doch, dass wir seine Meinung ernst nehmen und respektieren.


3. Entlarven wir Meckerer. Das ist im Grunde das Sahnehäubchen, bzw. macht das Spass!


Aber selbst, wenn wir Punkt drei beiseite lassen, hilft uns Obiges weiter und ist extrem konstruktiv. Aber nur, wenn wir auch den Mut aufbringen zu sagen: Ich stehe zu meinen Fehlern (zu meinem Gedicht, zu meinen Texten) und lerne daraus.

Und zuletzt noch ein Wort zu uns selbst, die wir andere kritisieren, denen natürlich auch Fehler unterlaufen. Auch hier wäre oft ein Nachfragen besser als ein Vorsagen. Lassen wir den anderen doch erst mal erklären, warum er es so und so und nicht anders gemacht hat. Vielleicht ist der Gedanke (die Idee) dahinter gar nicht so falsch oder abwegig und nur wir selbst haben das berühmte Brett vor dem Kopf oder sind in unserer Denkweise gefangen.


Natürlich ist das alles Theorie und muss – um zum Tragen zu kommen – angewendet werden. Und natürlich schaffe ich es selbst auch nicht immer, mich daran zu halten. Jedoch half und hilft mir diese Theorie/Strategie jedes Mal, wenn ich mich daran erinnere, und "das Zwicken" hält sich somit in erträglichen Grenzen.

 


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